Artikel in der Stillzeit, Fachzeitschrift der AFS
Ausgabe 2/2006, August

Ich wollte mich gerade von einem Kunden verabschieden, als ich nach seinem Blick auf meine Karte seine hochgezogenen Augenbrauen bemerkte. Wie schon so oft folgte, mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung, die Frage: „Sie fotografieren auch Geburten? Was tun Sie sich da an?!“

In den Köpfen der meisten Menschen finden Geburten ausschließlich in steriler Krankenhausatmosphäre statt. Diverse, natürlichen Geburten nicht unbedingt zuträgliche Doku-Soaps wie „Mein Baby“ oder „Schnulleralarm“, haben diese Bilder in die Wohnzimmer transportiert. Bilder von keuchenden Frauen in Klinikhemden, mit einem Zugang im Handrücken, die bei ihrem Marsch über Krankenhausflure von ihren Partnern gestützt werden. Bilder von Frauen, die auf unbequemen Gynäkologentischen halb auf dem Rücken liegen und von einer grün bekleideten Person, die zwischen ihren gespreizten Beinen hockt, zur „richtigen“ Atmung instruiert werden. Bilder von Frauen, die vor Angst und Schmerzen schreien und verzweifelt nach einer PDA verlangen.

Will eine Frau sich wirklich so abgelichtet wissen? Wird sie sich später gerne diese Fotos ansehen, um sich an diese Augenblicke zu erinnern? Und wird sie eines Tages diese Fotos ihren Kindern zeigen wollen?

Das öffentliche Bild von Geburten hat im Allgemeinen nichts mit der Würde und der Kraftarbeit zu tun, mit denen Frauen gebären, die intensiv durch erfahrene Hebammen auf das normale Wunder der Geburt vorbereitet wurden. Die Schönheit, die diese Frauen unter den Wehen ausstrahlen, die enorme Kraft, die aus ihnen selbst strömt, um ihren Kindern den Weg zu bereiten, das Selbst-Bewusstsein als Frau mit dem Wissen ausgestattet zu sein, gebären zu können, das alles findet in der Öffentlichkeit nicht statt.

Geburten werden gleichgesetzt mit einer akuten Erkrankung, mit einem notwendigen schmerzhaften Übel, das eine Frau durchstehen muss, wenn sie ein Kind bekommen will, bei dem ihr mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln geholfen werden muss, damit sie es schnell hinter sich hat.

Ich hatte selbst diese Bilder im Kopf, als ich schwanger wurde und ich fühlte mich bei den Gedanken daran nicht wohl. Dennoch wäre ich, wie so viele Frauen, unvorbereitet in einer Klinik gelandet, und hätte es über mich ergehen lassen, denn soviel wusste ich schon: Raus kommen sie immer – irgendwie.

Ich verdanke es einem Zufall, oder vielleicht war es Schicksal, meiner erfahrenen und emphatischen Hausgeburtshebamme Corinna Stahlhofen zu begegnen, die mich gewissenhaft und einfühlsam in meinen Körper führte. Sie lehrte mich mein Gespür für mein Baby zu entwickeln, vermittelte mir, dass ich mich auf meine Instinkte verlassen kann. Ihre intensive Betreuung in der Vorsorge, die mehr einem seelischen und geistigen Coaching ähnelte, und nichts mit dem üblichen Abarbeiten der Checkliste körperlicher Funktionstüchtigkeit beim Gynäkologen gemein hatte, führte dazu, dass ich mich, als Schmerzphobikerin, entschloss meinen Sohn im Geburtshaus zu gebären, statt mich in einem Krankenhaus entbinden zu lassen.
Was ich vor dieser Begegnung noch als esoterischen Unsinn abgetan hatte, durfte ich selbst erleben: Als Frau besitze ich die naturgegebene Fähigkeit mein Baby, ohne pathologisierende Unterstützung und körperliche Eingriffe durch Unbekannte, aus eigener Kraft zu gebären. Diese Fähigkeit zu erkennen, sie anzunehmen und sie einzusetzen – das hätte ich ohne die Betreuung durch meine Hebamme nicht geschafft.

Umso wichtiger empfand ich es, über diese Erfahrung zu sprechen und möglichst viele Frauen auf diesen Weg zu einer selbst bestimmten Geburt hinzuweisen. Manchmal waren meine Anstöße willkommen, viele konnten sich aber nichts darunter vorstellen – weil sie keine Vergleichsmöglichkeiten hatten. Nach wie vor transportieren die Medien unkritisch das Bild der Klinikgeburt als Normalität. Die wenigsten machen sich bewusst, wie sehr die Individualität der Frau, ihre persönlichen Eigenheiten und Nöte, die Einzigartigkeit jeder Geburt, durch die Routineabläufe in einem Klinikalltag unterdrückt werden können, und es gerade dadurch zu Komplikationen kommen kann.

Ich hatte das Glück, für meine erste Geburtsreportage eine Freundin begleiten zu dürfen, die ihr siebtes Kind im Geburtshaus Chemnitz gebären wollte. Im ersten Moment kam ich mir in dem kleinen, gemütlichen Geburtsraum fehl am Platz vor. Bald merkte ich aber, dass ich von niemandem wahrgenommen wurde. Gundel beschreibt es heute so: “Wir hatten abgesprochen, dass Sandra beim kleinsten Wink von Heiko oder meiner Hebamme Annett den Raum verlassen würde. Keiner musste Angst haben, gestört zu werden oder zu stören. Es war alles ungezwungen, und ich habe sie überhaupt nicht bemerkt....“

Gundel hat ihren Sohn Jannis nach nur zweieinhalb Stunden geboren, und für mich war es ein fast ebenso starkes Erlebnis, Beobachterin zu sein, wie selbst zu gebären. Es hatte mich darin bestärkt, meine Arbeit fortzusetzen.

Im Hinterkopf hatte ich dabei zunächst nur Hausgeburten oder Geburtshausgeburten, da es mir wichtig war, die Hebammen vor den Geburten kennen zu lernen und ich Krankenhäuser aus oben genannten Gründen nicht als Kulisse für natürliche Geburten für geeignet halte.

Umso überraschter war ich, eines Tages einen Anruf von einer Mutter zu erhalten, die sich Fotos vom geplanten Kaiserschnitt ihrer Tochter wünschte. In einem langen Gespräch machte sie mir bewusst, wie wichtig diese Fotos für sie wären, vor allem von der Zeit, in der ihre Tochter nicht bei ihr sein könnte. Dieser Kaiserschnitt hatte einen medizinisch indizierten Hintergrund, und nach dem Notkaiserschnitt ihres ersten Kindes war ihr Wunsch nach einer Traumaaufarbeitung, bei der ihr auch die Fotos hilfreich sein könnten, sehr groß. So ließ ich mich, wenn auch zunächst zögerlich, auf diesen Auftrag ein, nicht zuletzt, weil die Mutter von einer Hausgeburtshebamme betreut und begleitet wurde.

Auch und vielleicht gerade bei diesem Erlebnis ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie hilfreich und bestärkend die Arbeit einer Hebamme sein kann. Sabine* hatte Marie* bereits während der Schwangerschaft betreut und blieb nun bei den Vorbereitungen und dem Kaiserschnitt beständig an ihrer Seite. Ich konnte beobachten wie sie jede Gemütsschwankung von Marie* aufnahm und sie beruhigte und ablenkte, ihr Ruhe und Sicherheit vermittelte, sie auf jeden Schritt vorbereitete.

Ich selbst habe die Vorbereitungen, das Legen der PDA und die vermummte Geschäftigkeit im OP unter großer Anspannung verfolgt. Es war alles so anders, als ich es kannte, es bestätigte mich in vielen meiner Vorbehalte gegenüber Krankenhausgeburten, und dennoch gab es durch Sabine* einen ruhenden sicheren Pol, eine immerwährende freundliche Aufmerksamkeit, die das unwirkliche Drumherum relativierte.

Der Kaiserschnitt selber hat mir einen kleinen Schock versetzt. Zu sehen wie irreführend der Begriff „sanft“ für den Kaiserschnitt nach Misgav Ladach ist, hat mich einigermaßen aufgebracht. Wenn zwei Ärzte sich mit aller Kraft ins wehrhafte Gebärmuttergewebe hängen, um es weit genug zu öffnen, damit ein Baby hindurch passt, dann vergisst man den Begriff „sanft“ ganz schnell.

Dieses Erlebnis hat dazu geführt, dass ich einen tiefen Respekt vor den Frauen entwickelt habe, die sich einem Kaiserschnitt unterziehen müssen. Allerdings auch, dass ich noch weniger Verständnis für die Argumente aufbringen kann, die zur Entscheidung für einen „Wunschkaiserschnitt“ angeführt werden, denn nichts daran ist sanft, schmerzlos oder bequem.

Meine Geburtsfotografie werde ich auch weiterhin anbieten, für Frauen, die sich erinnern wollen und ihr Erinnerungen weitergeben wollen, und für Frauen, denen ich so auf meine Weise helfen kann, erlebtes aufzuarbeiten.

Und vielleicht werden es einmal genug Fotos zur Veröffentlichung sein, um einen Bildband heraus bringen zu können. Um zeigen zu können, dass Gebären keine Krankheit ist...


Sandra Schink

Fotostrecke anschauen www.geburtsfotos.de